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NEWS

Veröffentlichung | 13.04.2020

Industrie-Boss und Einzelhandelssprecher zur Corona-Krise
‚ÄěDas dicke Ende kommt erst noch‚Äú
D√ľrens Einkaufsmeile ist in diesen Tagen menschenleer. Nur ganz wenige Gesch√§fte d√ľrfen noch √∂ffnen.

KREIS D√úREN Im Gespr√§ch mit unserer Zeitung fordern der Vorsitzende der Vereinigten Industrieverb√§nde von D√ľren, J√ľlich, Euskirchen und Umgebung, Hans Helmuth Schmidt, und der Gesch√§ftsf√ľhrer des Handelsverbands NRW Aachen-D√ľren-K√∂ln, J√∂rg Hamel, schnelle Lockerungen der Corona-Einschr√§nkungen.

Die massiven Einschr√§nkungen im Zuge der Corona-Krise haben auch die Industrie und den Einzelhandel an der Rur schwer getroffen. Im Gespr√§ch mit unseren Redakteuren J√∂rg Abels und Volker Uerlings sprechen der Vorsitzende der Vereinigten Industrieverb√§nde von D√ľren, J√ľlich, Euskirchen und Umgebung, Hans Helmuth Schmidt, und der Gesch√§ftsf√ľhrer des Handelsverbands NRW Aachen-D√ľren-K√∂ln, J√∂rg Hamel, √ľber die aktuelle Situation.

Herr Schmidt, die Corona-Krise hat fast die ganze Welt im Griff. Gibt es √ľberhaupt Unternehmen in Ihrem Verband, die nicht von der Krise betroffen sind?

Schmidt: In der Tat gibt es eine Handvoll Unternehmen, die nicht oder nur sehr wenig betroffen sind. Dies sind Unternehmen, die direkt oder indirekt mit dem Online-Handel in Verbindung stehen. Hier gibt es sogar Wachstum. In allen √ľbrigen Bereichen ist die Lage bedenklich. Schlie√ülich kommen wir nicht aus einer Hochkonjunkturphase. Die beiden letzten Quartale 2019 waren bereits im Rezessionsmodus. Insoweit trifft die Corona-Krise die Industrie besonders hart.

F√ľr wie viele VIV-Betriebe wurde Kurzarbeit angemeldet ‚Äď und ist Ihnen bekannt, ob Unternehmen die Leistungen freiwillig aufstocken?

Schmidt: Die √ľberwiegende Zahl der Unternehmen hat schon im M√§rz Kurzarbeit beantragt. Deutschlandweit sind dies eine halbe Million Betriebe. Dies ist 20mal mehr als der bisherige Rekord in der Finanzkrise 2008. Unsere ViV-Unternehmen sind gr√∂√ütenteils in Tarifvertr√§ge eingebunden, die deshalb ganz unterschiedliche Aufstockungsmodelle anwenden k√∂nnen.

Mit welchen Umsatzeinbußen rechnen die VIV-Mitglieder angesichts der Krise?

Schmidt: Laut einer Blitzumfrage unserer IHK in Aachen gehen 76 Prozent der Betriebe von Umsatzr√ľckg√§ngen in diesem Jahr aus. Die Mehrzahl prognostiziert dabei einen Umsatzr√ľckgang von bis zu 25 Prozent. Jedes siebte Unternehmen erwartet sogar einen Einbruch von mehr als 50 Prozent. Viele Unternehmer machen sich gro√üe Sorgen vor einer drohenden Insolvenz. Dass es nun auch noch Stimmen in der Politik gibt, die Steuererh√∂hungen fordern, ist skandal√∂s. Deutsche Unternehmen zahlen weltweit bereits jetzt die h√∂chsten Steuern.

Wie sieht der Ausblick der Unternehmen aus? Drohen jetzt sogar Entlassungen?

Schmidt: Entscheidend wird sein, wie schnell die einzelnen Unternehmen wieder anlaufen können. Dies ist kein regionales, sondern ein globales Thema. Nach diesem brutalen Shutdown sind viele Lieferketten zum Stillstand gekommen. Ein Wiederanlauf und ein reibungsloses und behutsames Hochfahren der Lieferketten benötigt viel Zeit.

Nat√ľrlich muss man davon ausgehen, dass nicht alle Unternehmen die Krise unbeschadet √ľberstehen. Es wird vielfach Entlassungen geben, dies ist unvermeidlich. Entgegenwirken kann nur eine sofortige, wohl√ľberlegte R√ľckkehr in einen normalen Gesch√§ftsalltag.

Herr Hamel, der Lagebericht im Einzelhandel er√ľbrigt sich fast, weil ja fast alle Gesch√§fte geschlossen sind. Mit Blick auf die gro√üen Einkaufsst√§dte im Kreis, also D√ľren und J√ľlich: Glauben Sie, dass der allergr√∂√üte Teil wiederer√∂ffnen kann? Oder droht uns auch hier eine Insolvenzwelle?

Hamel: Ich bin sicher, dass der allergr√∂√üte Teil der H√§ndler im Kreis D√ľren nach der Krise ihre Gesch√§fte wieder √∂ffnen werden. Gerade im Textileinzelhandel sind die Warenbest√§nde enorm hoch, was eine √Ėffnung unumg√§nglich macht. Die Frage, die sich mir stellt, ist wie sich die Unternehmen in Zukunft entwickeln werden. Viele Hilfspakete, die von der Politik geschn√ľrt wurden, sind in Wahrheit Kredite, die oft in k√ľrzester Zeit zur√ľckbezahlt werden m√ľssen. Eine andere Form der Hilfe besteht in Stundungen von Zahlungen. Dies bedeutet, dass f√ľr viele Unternehmen das ‚Äědicke Ende‚Äú erst noch kommen wird. Die Insolvenzwelle wird rollen, aber nicht sofort, sondern zeitverz√∂gert in den kommenden Jahren.

Wie beurteilen Sie das Krisenmanagement des Staates aus Sicht des Einzelhandels?

Hamel: Das Krisenmanagement des Staates ist sicher sehr ambitioniert, reicht unserer Ansicht aber nicht aus, um die Unternehmen zu retten und langfristig zu sichern. Oft sind die Soforthilfen nur ein Tropfen auf den hei√üen Stein und die anderen Hilfen sind, wie gesagt Kredite, die entweder von den Unternehmen nicht zur√ľckgezahlt werden k√∂nnen oder im schlimmsten Fall erst gar nicht zu ihnen gelangen. Auch die Kurzarbeiterregelung, die sicherlich in normalen Zeiten ein gutes Instrument darstellt, f√ľhrt, wenn Sie derart in Anspruch genommen wird, zu einem geringeren Volkseinkommen. Die Menschen werden weniger Geld im Portemonnaie haben, was sich dann sofort auf den Einzelhandel auswirken wird. Wir k√∂nnen also nicht davon ausgehen, dass die Ums√§tze kurzfristig auf das alte Niveau ansteigen werden.

Der lokale Online-Handel ist eine Reaktion mancher Geschäfte. Wissen Sie, ob das bereits nennenswerte Umsätze beschert?

Hamel: Ich glaube, dass die Flucht in den Onlinehandel, die viele Unternehmen jetzt kurzfristig anstreben, keine Kompensation f√ľr den Wegfall der Ums√§tze im station√§ren Einzelhandel sein kann. In den meisten F√§llen ist es nicht mehr als eine Kr√ľcke, die den Kontakt zu den Kunden aufrechterh√§lt.

Kommen die jetzt auf die Schnelle, in D√ľren unter anderem mithilfe der Win.DN, ins Leben gerufenen Online-Plattformen f√ľr den Handel nicht viel zu sp√§t?

Hamel: Die kurzfristig ins Leben gerufenen Plattformen wachsen nicht nur in D√ľren pl√∂tzlich aus dem Boden. Es gibt eine Vielzahl von Initiativen, sei es stadtweit, landesweit oder auch nur auf ein Stadtviertel bezogen. Diese Vielzahl macht es den Kunden nicht unbedingt einfacher, sondern f√ľhrt oft zu einer Verwirrung. Hier h√§tte man sich schon fr√ľhzeitig gew√ľnscht, dass sich alle Akteure unter einer einheitlichen Marke zusammengefunden h√§tten. Eine Onlineplattform allein hilft nur wenig, spricht nur wenige Menschen an, wenn sie nicht umfangreich beworben wird. Viele Plattformen leiden darunter, dass sie zwar existieren, aber einen nur geringen Bekanntheitsgrad haben. Die B√ľrger sind einen Standard gewohnt, wie ihn zum Beispiel Amazon vorh√§lt. Diesen Standard k√∂nnen lokale Plattformen nicht bieten.

Herr Schmidt, das staatliche Instrumentarium, um den Mittelstand zu unterst√ľtzen, besteht im Wesentlichen in der M√∂glichkeit zinsloser Kredite und von Vorauszahlungsstundungen. Ist das ausreichend?

Schmidt: Die staatlichen Kredite helfen den Unternehmen sehr. Voraussetzung ist nat√ľrlich eine schnelle und unb√ľrokratische Auszahlung. Nicht vergessen sollte man, wie schon Herr Hamel sagt, dass es sich nur um geliehenes Geld handelt. Auf der anderen Seite haben Unternehmen massive Umsatzeinbr√ľche. Dies ist also eine doppelte Belastung. Es wird alles sehr viel fragiler. Ich kenne nur wenige Unternehmen, die derzeit keine roten Zahlen schreiben.

Eine Frage an Sie beide: Noch ist unklar, wie lange die Einschr√§nkungen aufrechterhalten werden m√ľssen. Ab wann rechnen Sie f√ľr Ihre Bereiche mit irreversiblen Sch√§den?

Schmidt: Es ist ein sehr gro√üer Erfolg, wie die deutsche Bev√∂lkerung die Krise bisher bew√§ltigt und die Einschr√§nkungen und Vorgaben diszipliniert eingehalten hat. Die bisherigen Ma√ünahmen waren richtig. Die Zahl der Neuinfektion geht zur√ľck. Die Krankenh√§user sind dadurch nur zu einem beruhigenden und geringen Teil belastet. Fakt ist aber auch, dass zehn Prozent der ‚Äď wirklich bedrohten ‚Äď Bev√∂lkerung geschont, 90 Prozent samt der gesamten Volkswirtschaft aber extrem behindert werden, mit der unter Umst√§nden dramatischen Konsequenz, dass die Basis unseres Wohlstandes massiv und nachhaltig erodiert. Jedes betroffene Unternehmen hat bereits irreversible wirtschaftliche Sch√§den erlitten

Hamel: Besonders im Handel sind bereits irreversible Sch√§den eingetreten. Wir werden, auch nach einer √Ėffnung der Gesch√§fte, eine komplett ver√§nderte Einkaufswelt haben. Die Menschen werden anders miteinander umgehen, das soziale Leben wird sich ver√§ndern. Damit einhergehend wird sich auch der Handel und seine Struktur ver√§ndern. Ich wage heute noch keine Prognose dar√ľber, was das am Ende f√ľr uns alle bedeuten wird.

Wann und wie muss der Shutdown aus Ihrer Sicht enden? Was wäre das Worst-Case-Szenario?

Schmidt: Der heutige Zustand muss schnellstens ver√§ndert werden, sonst f√ľrchte ich, dass die breite Unterst√ľtzung in der Bev√∂lkerung nicht mehr gegeben ist. Einrichtungen mit weniger gef√§hrdeten Personen, zum Beispiel Schulen und Kitas, m√ľssen jetzt ge√∂ffnet werden. Ebenso sollte der Einzelhandel wieder arbeiten d√ľrfen, sofern daf√ľr Sorge getragen wird, dass Mitarbeiter und Kunden ausreichend Abstand zueinander halten.

Die Neu-Infektionszahlen m√ľssen weiter beobachtet werden. Dann kann in gleicher Weise die schrittweise R√ľckkehr ins √∂ffentliche Leben folgen. Ich pers√∂nlich glaube, dass der beste Schutz Atemmasken sind. Die besonders gef√§hrdeten zehn Prozent, das hei√üt √ľber 70-J√§hrige und Menschen mit Vorerkrankungen, m√ľssen besonders gesch√ľtzt bleiben. Und ich denke, Gro√üveranstaltungen kann es leider wahrscheinlich erst dann wieder geben, wenn ein Impfstoff vorhanden ist. Einen Worst-Case gibt es, wenn wir nicht zu einer stetigen Eind√§mmung kommen, unser weltweites Finanz- und W√§hrungssystem zusammenbricht und dann Schreckensszenarien wie Hyperinflation und W√§hrungsreform eintreten.

Hamel: Unsere Forderung an die Politik ist es, die unverschuldeten Verluste des Handels zu kompensieren. Staatliche Hilfen d√ľrfen nicht zur Sterbehilfe werden. Die Beendigung des Shutdowns muss zwingend am 20. April beginnen. Ich bef√ľrchte, wenn sich die Regierung zu diesem Datum nicht bewegt, wird die soziale Unruhe im Land ansteigen. Wichtig ist, dass wir den Ausstieg ohne Diskriminierung von Branchen oder Betriebsgr√∂√üen hinbekommen. Das Beispiel √Ėsterreich, das vorsieht, nur Unternehmen bis 400 Quadratmeter im ersten Schritt zu √∂ffnen, kann kein Vorbild f√ľr Deutschland sein.

Das Schlimmste w√§re, wenn nach einer √Ėffnung die Infektionszahlen wieder derart anstiegen, dass es zu einem zweiten Shutdown k√§me. Jeder Tag, an dem die Wirtschaft unseres Landes zur√ľckgefahren bleibt, wird zu einem gr√∂√üeren Risiko. Ich pers√∂nlich bef√ľrchte, dass langfristig nicht nur unsere Unternehmen irreparable Sch√§den davontragen werden, sondern auch der allgemeine Wohlstand in unserem Land in Mitleidenschaft gezogen wird. Langfristig k√∂nnte dies Einfluss auch auf die politische Landschaft und unser Staatsgef√ľge haben. Aus meiner Sicht ist es daher wichtig, eine klare und verl√§ssliche Exit-Strategie zu kommunizieren und umzusetzen.

Gibt es f√ľr Sie beide in diesen schweren Tagen und Wochen auch gelegentlich positive Nachrichten aus Industrie und Handel?

Schmidt: Gl√ľck im Ungl√ľck: Die Panik- und Hamsterk√§ufe beim Toilettenpapier und der starke Online-Handel wirken sich sehr positiv auf unseren Kern, die D√ľrener Papierindustrie, aus ‚Äď das ist doch ein kleiner Lichtblick f√ľr unsere gebeutelte Energiewende-Region!

Hamel: Positiv zu bemerken ist, dass viele mit gro√üer Kreativit√§t versuchen, die Krise zu meistern. Bestimmte Bereiche wie die Digitalisierung machen in k√ľrzester Zeit Riesenfortschritte. Die Einzelh√§ndler merken, wie wichtig die Themen Digitalisierung, Weiterentwicklung der eigenen Kommunikation und der Vertriebswege ist. Gerade in diesem Bereich ist eine enorme Dynamik zu beobachten, was mich positiv stimmt und hoffen l√§sst, dass der station√§re Handel auch weiterhin eine Ankerfunktion im sozialen Leben unserer St√§dte haben wird.

AZ/AN Jörg Abels

https://www.aachener-zeitung.de/lokales/dueren/das-dicke-ende-kommt-erst-noch_aid-50028421

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